Karin Cana spricht mit Jan Eric Hellbusch
Cana:
Ich befinde mich hier jetzt gerade in Gießen bei Jan Eric Hellbusch. Herr Hellbusch hat ein Buch geschrieben, das sich "Barrierefreies Webdesign" nennt. Herr Hellbusch, wie kommt man als Diplomkaufmann dazu, ein Buch über barrierefreies Webdesign zu verfassen?
Hellbusch:
Also, ich bin selbst sehbehindert und das nicht seit meiner Geburt. Ich habe nach meinem Studium die ersten Probleme mit der Sehbehinderung bekommen. Bei meinem ersten Job habe ich festgestellt, dass ich am Bildschirm nicht alles lesen konnte und fing damals an, mich mit der Barrierefreiheit am Bildschirm zu befassen. Dazu kommt, dass ich mich schon seit meiner Jugend für Computer und Programmierung interessiert habe, später auch für das Internet. Über Umwege wie "Tech" und andere Programmiersprachen landete ich 2001 quasi in einer Internetabteilung, weil ich in dem Bereich Öffentlichkeitsarbeit arbeitete, und hatte die Aufgabe mich mit dem Thema noch intensiver zu befassen, so dass ich daraus erstmals Artikel geschrieben habe.
Im Mai 2001 entstand auch Kontakt zu dem Knowware Verlag. Ich habe gefragt, ob sie Interesse an dem Thema hätten und die sagten "ja, mach!". Und so ist das ganze ins Laufen gekommen.
Cana:
Und die Thematik HTML, also die Sprache HMTL, die haben Sie sich sozusagen selber beigebracht?
Hellbusch:
Richtig. Schon beim ersten Job hatte ich die Aufgabe die Webseiten für die Fakultät dort an der Universität, wo ich arbeitete, zu machen. HTML ist nicht besonders kompliziert, von der Grundstruktur her. Gut, die erste Seite, die war sicherlich nicht hundertprozentig barrierefrei, aber sie war einfach und sicherlich auch bedienbar.
Ja, und durch das Bearbeiten des Knowware-Heftes damals habe ich mich dann erstmals sehr intensiv mit der HTML-Programmierung beschäftigt und eben auch mit CSS.
Cana:
Was ist in diesem Zusammenhang CSS? Wenn Sie das unseren Hörern kurz erklären könnten?
Hellbusch:
Ja, HTML ist zunächst mal die Strukturierung von Inhalten und CSS steht für Cascading Style Sheets; es ist vergleichbar mit einer Formatvorlage in Word, wo man dateiübergreifend Formatierungen zuweisen kann. Zum Beispiel sollen Überschriften ein bestimmtes Aussehen haben, aber man kann auch ein komplettes Layout damit bestimmen - und genau darum geht es auch: Formatierung und Layout.
Cana:
Das Buch haben Sie ja eher nebenher geschrieben. Hauptberuflich sind Sie in diversen Projekten engagiert. Was für Projekte sind das?
Hellbusch:
Das ist vor allem das Projekt "Barrierefrei Informieren und Kommunizieren", kurz BIK. Dort bin ich Berater für Agenturen und Behörden. Wir haben für Webseiten ein Testverfahren entwickelt, das nennt sich BITV-Test (Anmerkung: BITV = Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung), und da habe ich maßgeblich daran mitgewirkt. Das wurde dann 2003 fertig gestellt und läuft seitdem relativ stabil, natürlich gibt es noch die eine oder andere Veränderung.
Was wir noch machen, sind Beratungen jeder Art bis hin zu Workshops, präsentationen Vor Entescheidern, Vor Programmierern, Vor Designern. So reise ich viel zu Agenturen und Behörden, wo ich eben das Thema präsentiere und worauf man achten muss, möchte man Barrierefreiheit nach der Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung realisieren.
Cana:
Also wenden sich öffentliche Einrichtungen an Sie sowie Unternehmen, die ein Interesse daran haben, ihre Internetseiten barrierefrei zu gestalten?
Hellbusch:
Auch. Es sind vor allem die Agenturen, die sich an uns wenden.
Cana:
Webdesign-Agenturen?
Hellbusch:
Ja. Internet-Agenturen jeglicher Couleur, große und kleine. Die öffentliche Hand wendet sich ebenfalls an uns, aber angesichts der Gesetzeslage - denke ich - viel zu wenig. Das bezieht sich vor allem auf die Bundesverwaltung. Die Umsetzung der BITV läuft aus unserer Sicht relativ schleppend.
Cana:
Haben Sie eine Vermutung, woran das liegen könnte?
Hellbusch:
Es ist schwer zu sagen. Auf der einen Seite ist die Barrierefreiheit als solche ein Prozess. Man muss sich mit dem Thema befassen und es sich Stück für Stück erarbeiten. Es ist nicht in einem Tag geschafft, Barrierefreiheit umzusetzen.
Natürlich könnten bestimmte Aspekte schnell gelernt werden, also, ja bestimmte Verantwortliche innerhalb eines Prozesses können eben kleine Stücken der Barrierefreiheit in die Webauftritte einbauen. Aber auf der anderen Seite fehlt es auch an rechtlichen Konsequenzen, so dass auch Mit fristen, die Ende 2005 auslaufen, noch nicht klar ist, was dann passiert, wenn Barrierefreiheit nicht umgesetzt wird. Also die Thematik ist eben nicht bedrohlich für die Verantwortlichen, und von daher müssen wir uns noch weiter ranmachen, sozusagen, uns anbieten und unsere Dienstleistungen weiter zur Verfügung stellen.
Cana:
Wenn Sie die Nachfrage nach Ihren Dienstleistungen im Zusammenhang mit BIK betrachten, ist da die Nachfrage in den vergangenen zwei Jahren gestiegen?
Hellbusch:
Auf jeden Fall. Wir können uns alle vor Arbeit nicht retten. Wir sind insgesamt sieben Berater, verteilt auf verschiedene Träger. BIK ist ein Gemeinschaftsprojekt deutscher Blinden- und Sehbehindertenverbände. Ich bin ja in Marburg beim Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS), andere sind zum Beispiel in München, Frankfurt, Berlin, Hannover und Hamburg. Als ich vor zwei Jahren begann, konnte ich mich in aller Ruhe wirklich intensiv mit dem Thema Programmierung auseinander setzen und heute ist es so, dass ich jeden Tag zwischen 10 und 20 Anrufe oder E-Mail-Anfragen bekomme. Das ist schon eine Menge Arbeit, weil jedes Telefonat seine Zeit braucht, jede E-Mail irgendwie bearbeitet werden muss und zwischendurch eben Auswärtstermine sind.
Cana:
In dem Buch "Barrierefreies Webdesign" haben Sie das Thema wesentlich weiter entwickelt. Es umfasst 390 Seiten. Um was geht es da genau?
Hellbusch:
Es geht um sehr viel. Also, der Arbeitstitel des Buches war "Umsetzung der BITV". Ich hatte mir das Ziel gesetzt alle Bedingungen der BITV zu erläutern und nach Möglichkeit auch Beispiele zu geben.
Im Vergleich zum Knowware-Heft 2001 wollte ich das inhaltlich natürlich erläutern und das Buch mit vielen Bildern bestücken. Damals, 2001, ging es mir vor allem um die HTML- und CSS-Techniken. In dem neuen Buch geht es auch um Flash und PDF, und wir haben erstmals in deutscher Sprache einen großen Abschnitt zum Thema grafische Programmoberflächen, die auch in der BITV geregelt sind - also dass Desktop-Anwendungen beispielsweise barrierefrei zu gestalten sind. Und das ganze konnte ich so jetzt nicht alleine machen. In vielen Themenbereichen kenne oder kannte ich mich zu wenig aus. Ich habe deswegen ein Autoren-Team von 15 Autoren zusammengestellt, die einzelne Kapitel bearbeiten.
Von den Inhalten von damals wurde sehr viel übernommen, aber ich hab das jetzt viel strukturierter dargeboten. So sind zum Beispiel die klassischen Webtechniken in sieben Bereiche gegliedert, nicht wie damals in diesem Knowware-Heft in 14 Kapitel. Ich denke, dass der Aufbau es ermöglicht, die verschiedenen Aspekte der Barrierefreiheit in einen Prozess zu integrieren.
Cana:
Was muss man als Web Designer besonders beachten, will man Internetseiten erstellen, die auch für blinde und sehbehinderte Menschen lesbar sein sollen?
Hellbusch:
Es gibt in der BITV 66 Bedingungen. Viele dieser Bedingungen lassen sich auch auf die Nutzbarkeit von Webseiten für Blinde und Sehbehinderte übertragen. Ich habe in den sieben Abschnitten, die ich zuvor erwähnte, 4 Abschnitte der Zugänglichkeit durch Blinde und Sehbehinderte gewidmet, weil eben die Wahrnehmbarkeit am Bildschirm oder alternativen Medien vieles andere erst ermöglicht. Also wer zum Beispiel den Bildschirminhalt nicht wahrnehmen kann, hat keine Chance die Inhalte zu verstehen. Nur so im Kontext: es gibt vier Prinzipien bei der Gestaltung von Webseiten, die man beachten sollte, das sind Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit und Robustheit der Technik.
Und was Blinde und Sehbehinderte angeht, habe ich zunächst mal den Punkt Texthinterlegung; alles, was nicht Text ist, muss eben als Text vorhanden sein. Das ist vor allem für Screen Reader wichtig, weil Screen Reader mit dem Inhalt eines Bildes oder sogar eines Filmes wenig anfangen können.
Was die Nutzung von Screen Reader angeht gibt es auch noch ein Abschnitt, das nennt sich Linearisierbarkeit und Layout. Da geht es vor allem darum, dass ein zweidimensionales Design eben so gestaltet sein muss, dass es im eindimensionalen Medium - wie es ein Screen Reader ist (eine Sprachausgabe arbeitet ja eindimensional) -, dass sie da immer noch nutzbar ist. Also was nutzt es, wenn Navigation und Inhalt verteilt sind auf einer Seite und der Screen Reader sehr viel navigieren muss um zu verschiedenen Bereichen einer Webseite zu kommen. Da müssen bestimmte Aspekte bedacht werden; zum Beispiel, dass Navigationselemente gruppiert werden und dass bestimmte Techniken eingesetzt werden, damit sie übersprungen werden können.
Aber es gibt natürlich für Sehbehinderte zwei Abschnitte. Das sind zum einen das Kapitel Kontrast der Farben und Schriftbild, ein ganz wichtiges Thema finde ich. Da geht es darum, dass auch Grafiken kontrastreich gestaltet werden müssen, weil Grafiken eben nicht durch Benutzereinstellung verändert werden können. Da geht es allgemein über Informationen, die per Farbe vermittelt werden. Also, wenn zum Beispiel eine Liste mit roten und grünen Einträgen nun ausgeführt wird und der normal sehende Benutzer unterscheiden kann zwischen diesen roten und grünen Einträgen und anhand dessen eine Entscheidung treffen kann. Das ist für viele Menschen - einschließlich blinde - nicht mehr möglich, so dass diese Informationen auf andere Form zusätzlich noch geboten werden müssen.
Das vierte Kapitel ist Skalierbarkeit. Skalierbarkeit im Zusammenhang mit Bedienbarkeit, das bedeutet, dass sowohl die Schrift sich an den Bedürfnisseen des Benutzers anpassen können muss, aber auch das Layout. Viele Sehbehinderte haben eine geringe Bildschirmauflösung. Das ist auch ganz klar, weil bevor man zu sehr vergrößert und dementsprechend nur mit einem kleinen Abschnitt arbeiten kann, versucht man mit den zweiten Einstellungen, zum Beispiel geringe Bildschirmauflösung, Inhalte zu vergrößern. Das geht natürlich nicht immer, das ist halt der erste Schritt, den man machen kann. Erst wenn ein Layout skalierbar ist, ist diese Methode auch anwendbar.
Cana:
Herr Hellbusch, kann man sagen, dass wenn eine Internetseite für einen Blinden lesbar ist, dass sie dann auch zwangsläufig für einen sehbehinderten Menschen lesbar ist?
Hellbusch:
Auf gar keinen Fall! Also, die Bedürfnisse von blinden Nutzern sind ganz anders als die Bedürfnisse der sehbehinderten Nutzer. Bei der Barrierefreiheit geht es nicht nur um Blinde und Sehbehinderte. Es geht auch um Mobilitätsbehinderte, um Gehörlose, Schwerhörige und Menschen, die aus welchen Gründen auch immer, Schwieligkeiten mit der Sprache haben. Das können Legastheniker sein, das können aber auch ausländische Mitbürger sein usw. und so fort, also bis hin zu Lernbehinderten.
Also, Sie sehen, die Anforderungen sind sehr vielfältig; und wenn die Anforderungen für blinde Nutzer umgesetzt sind, ist in der Regel auch nur diese Zielgruppe bedient. Die Sehbehinderten brauchen, wie gesagt, starke Kontraste und Skalierbarkeit beispielsweise. Das ist durch die Optimierung auf Screen Reader nicht gegeben.
Cana:
Wenn Sie rückblickend jene Unternehmen betrachten, die sich an Sie gewandt haben: war das jedes Mal eine hundertprozentige Neugestaltung der Internetseite oder mussten eher kleinere Veränderungen durchgeführt werden?
Hellbusch:
Die Seiten sind sicherlich nicht hundertprozentig barrierefrei heute, aber die sind einen großen Sprung nach vorne gekommen. Hat uns natürlich eine Menge Arbeit gekostet, weil quasi die Innereinen des Systems geändert werden mussten, aber das ist der typische Verlauf.
Manchmal gibt es auch optische Veränderungen, aber wenn ein Relaunch geplant wird und als eine der Anforderungen die Barrierefreiheit gilt, dann ist die Barrierefreiheit eben nur ein Teilaspekt und ist relativ kostengünstig dann umzusetzen im Vergleich zu einem Projekt wie Banken NDR, wo es wirklich nur um die barrierefreiere Gestaltung ging. Also, da kostet die Barrierefreiheit schon was.
Cana:
Wo kann man Ihr Buch beziehen und was kostet es?
Hellbusch:
Das Buch ist im D-Punkt Verlag erschienen. Natürlich haben die Autoren auch einen Amazon Account eingerichtet und es würde uns natürlich sehr freuen, wenn Interessenten das Buch dort beziehen. Natürlich kann man da nicht blättern, aber so können wir Autoren vielleicht in einem Jahr ein schönes Grillfest machen und uns alle kennen lernen. Einige Autoren kennen sich, aber nicht alle und es wäre doch schön, wenn wir eine kleine Party feiern könnten.
Cana:
Herr Hellbusch, ich bedanke mich vielmals für das Gespräch.
Hellbusch:
Ich bedanke mich bei Ihnen für den Besuch.
Cana:
Informationen zum Buch und den direkten Link zum Amazon-Partnerprogramm der Buchautoren finden Sie auf
www.barrierefreies-webdesign.de/dpunkt.
