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BIENE-Award 2005 - Die Top 26

Wer von mehr als 320 Bewerbern zu den 26 "Auserwählten" gehört, ist an sich schon ein Sieger - auch dann, wenn es vielleicht für eine BIENE nicht ganz reichen sollte.

Im vorigen Jahr habe ich allen 23 für den BIENE-Award nominierten Projekten einen Besuch abgestattet und diese anhand eines persönlichen Themenkatalogs analysiert. Dabei ging es mir nicht so sehr um eine Qualitätsprüfung, die ja bereits von Experten durchgeführt worden war, sondern mehr um eine Gedächtnisstütze für mich selber, um nicht den Überblick zu verlieren.

Auch in der Barrierefrei-Szene gibt es, wie überall, Trends und Schwerpunkte; und um diese geht es mir in diesem Jahr.

Accessibility-Trends

Abgesehen von ein paar "Ausreißern" bauen die Accessibility-Experten inzwischen mehr auf konsequente Trennung von Inhalt und Layout. Inwieweit dabei die Erkenntnis eine Rolle spielt, dass sich ein mit CSS gestaltetes Projekt künftig leichter pflegen lässt, mag dahingestellt bleiben; positiv ist dieser Trend in jedem Fall.

Wie zu erwarten war, kommen auch die Anwender eines Screen Readers nicht zu kurz. Zum Beispiel haben sich Sprungmarken zu den Hauptbereichen der jeweiligen Seite durchgesetzt. Dabei fällt ganz besonders positiv auf, dass durch kluge Benennung dieser Sprung-Links und das Angebot gleich zu Seitenbeginn auch bei völlig unbekannten Projekten bereits an dieser Stelle der erste Überblick geboten wird, stellen doch die Sprungmarken zu den wichtigsten Bereichen der Seite gleichzeitig die Information zur Verfügung, welche Bereiche überhaupt vorhanden sind.

Auch dass diese Sprungmarken nun häufig beim Tabben sichtbar werden, ist als Verbesserung zu werten, profitieren so doch nicht nur die Anwender von Screen Readern davon, sondern auch alle Tastatur-Nutzer.

Hat man früher der gesamten Szene - häufig zu Recht - den Vorwurf gemacht, "blindenlastig" zu sein, rücken nun zunehmend auch andere Nutzergruppen in den Vordergrund: Kontrasten wird mehr Beachtung geschenkt als früher, unansehnliche und spartanische Textversionen scheinen - zum Glück - ganz zu verschwinden und ansprechendes Design gehört zum guten Ton. - Das mag aber in gewisser Weise auch darauf zurückzuführen sein, dass die gesamte Branche in der CSS-Technik sicherer und versierter geworden ist.

Auffällig, und zwar im positiven Sinn, ist weiter, dass endlich auch gehörlose Menschen als wichtige Zielgruppe erkannt und berücksichtigt werden. Meines Wissens war es letztes Jahr nur ein einziges Projekt, das Gebärdensprach-Videos angeboten hat.

Auch wenn vermutlich Gebärdensprach-Videos nicht so bald zum Web-Alltag gehören werden, so ist diese Focussierung auf eine meist vernachlässigte Nutzergruppe eine gute Entwicklung.

Insgesamt ist also ein erfreulicher Trend in Richtung umfassendere Sichtweise des Begriffs Barrierefreiheit und Einbeziehung auch bisher vernachlässigter Zielgruppen zu spüren.

Kein Licht ohne Schatten

In manchen Fällen treibt das Bestreben, möglichst viel in Richtung Barrierefreiheit zu tun und nur ja keine Richtlinie zu verletzen, auch ein wenig exotische Blüten:

Sprungmarken einmal üppig

Da steht zu Beginn eine Sprungmarke mit der Beschriftung "Hauptmenü/Zum Inhalt springen". Was denn nun? Zur Navigation oder zum Inhalt springen? Irritiertes Innehalten. Offenbar gibt die Beschriftung vor dem Schrägstrich die augenblickliche Position, die danach das Ziel an. Das an sich ist schon unüblich und daher gewöhnungsbedürftig. Benutzt man diese Sprungmarke, landet man bei weiteren Sprungmarken, jedoch werden die Ohren der Nutzer von Sprachausgaben etwas strapaziert, denn diese Sprungmarken werden in einigen Programmen gnadenlos buchstabiert, was zunächst mal verhindert, überhaupt zu verstehen, dass es sich hier um weitere Sprungmarken handelt.

Audio-DateiSprungziel anhören (MP3, 72 KB)

Transkription des Audios:
Beginn des Inhalts Schrägstrich Link zum S-e-i-t-e-n-a-n-f-a-n-g bar Link zur S-E-i-t-e-n-n-a-v-i-g-a-t-i-o-n bar

(Die mit Bindestrich geschriebenen Wörter werden buchstabiert.)

Wie so etwas entsteht?

  1. Die beiden Links sind unmittelbar aneinander geschrieben. Es befindet sich zwischen ihnen kein Leerzeichen. Denn: Durch Formatierung erzwungene Abstände sind kein physischer Leerraum und für textbasierte Programme oft nicht wahrnehmbar.
  2. Der senkrechte Strich ist nicht als Trennzeichen zwischen den Links, sondern als Bestandteil des Links ausgeführt. Das Zeichen trennt also nicht die beiden Links, sondern es ist mit verlinkt - somit kein Trennzeichen.

Dass die Sprungmarken in diesem Projekt mehr als reichlich sind und darüber hinaus recht opulente Beschriftungen tragen, verwundert letztlich nicht mehr. Gut gemeint kann auch zu viel sein.

"Gleichmacherei"

Auf einer anderen Seite war ich zunächst erfreut, viele Überschriften vorzufinden. Da aber alle Überschriften gleichermaßen mit Ebene 6 ausgezeichnet sind, büßen sie einiges von ihrer Nützlichkeit ein.

Was mir daran unverständlich ist: Hierarchisch korrekte Überschriften sind doch kein Merkmal von barrierefreien Seiten, sondern seit langer Zeit guter Stil - oder?

Offenbar hat man hier Überschriften nur den Anwendern von Screen Readern zu Liebe eingefügt, und das macht mich ein wenig unglücklich.

Ungewohnte Begriffe

Ein klein wenig stutzig gemacht haben mich Begriffe wie "Inhaltsnavigation" und "Globalnavigation". Sie sind beim ersten Besuch eines Projektes doch etwas ungewohnt. Man muss sie eben erst untersuchen um dahinter zu kommen, was genau gemeint ist. Aber das ist jetzt schon etwas zu spitzfindig.

Man möge mich bitte nicht missverstehen: All diese aufgezeigten kleinen Mängel sind, verglichen mit den Barrieren, mit denen man täglich im Web konfrontiert wird, nicht der Rede Wert. Sie zeigen lediglich, dass es bei der Umsetzung der WAI-Richtlinien zwei unterschiedliche Herangehensweisen gibt: Die Umsetzung derselben und die zusätzliche Überprüfung des Ergebnisses durch Praxistests. Unterbleiben letztere, wird oft mehr Aufwand getrieben, als eigentlich notwendig wäre und so der durchaus positive Ansatz wieder ein wenig seiner Wirkung beraubt.

Meine Persönlichen Favoriten

Ohne jetzt alle Projekte mit gleicher Intensität betrachtet zu haben, erlaube ich mir eine kleine Favoritenliste aufzustellen und eine kurze Bemerkung dazu zu schreiben, was ich an dem jeweiligen Auftritt besonders mag. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Nein, das ist keine Wertung, das ist Geschmacksache.

Externer Link http://www.verkehrsanwaelte.de
Es ist scheinbar die gleiche, noch etwas verbesserte klare Struktur wie bei den Wasserwerken Zwickau (www.wwzwickau.de), einem Projekt aus derselben "Werkstatt", das mich wegen der klaren Struktur beeindruckt hat.
Externer Link http://www.maharanis.de
Die verbalen Beschreibungen stehen den Illustrationen in nichts nach. Man könnte sogar streiten, ob der Text das Bild beschreibt oder das Bild den Text. Ich freue mich, dass es dieser barrierefreie Shop heuer in die Endrunde geschafft hat - verdient, wie ich meine.
Externer Link http://www.padersprinter.de
Fahrplanauskünfte haben es in sich. Meist verliere ich die Geduld, die Orientierung - oder beides. Obwohl ich mich in der Region absolut nicht auskenne, war meine erste Suche gleich von Erfolg gekrönt. Hoffentlich macht dieses Beispiel bei anderen Fahrplananbietern möglichst bald Schule.
Externer Link http://www.koblenz-metternich.de
Abgesehen davon, dass mein Mann und ich Eisenbahn-Freunde sind, besticht mich dieses Projekt durch die konsequente Überschriften-Hierarchie. Selbst mit einem Screen Reader kann man so eine Seite rasch überfliegen und "durchkämmen".
Externer Link http://www.ojm.at
Wiederum ein Projekt mit klarer Struktur und - was viele Projekte vermissen lassen - mit hervorragend aufbereiteten Inhalten. Bestechend ist für mich die Harmonie zwischen "nicht zu wenig, nicht zu viel", was die Goodies für Zugänglichkeit anlangt und die ausgewogene Aufmerksamkeit, die man Inhalt und Layout gleichermaßen gewidmet hat.
Externer Link http://www.curie-os-petershagen.de
Dass es dieses Projekt meines Team-Kollegen Peter Kammerer bis in die Endrunde geschafft hat, freut mich natürlich besonders; das allein wäre aber kein ausreichender Grund, das Projekt zu meinen Favoriten zu zählen. Mich fasziniert hier ganz besonders das mir ausnahmsweise bekannte Backend der Externer Link bwl collection im Bereich der Bildverwaltung, der guten Unterstützung des Redakteurs (etwa durch Editiermöglichkeit eines persönlichen Notizzettels) und natürlich die erwartungsgemäß barrierefreie Gestaltung der Eingabeformulare und nicht nur des Projekts selbst.

Hätte ich mir noch mehr Zeit genommen, so hätte ich zweifellos noch weitere Favoriten entdeckt.

Individuelle "Maßeinheit"

Dass ich bei meiner Beurteilung das optische Erscheinungsbild völlig außer Acht gelassen habe, versteht sich bei Nutzung eines Screen Readers ganz von selbst, soll aber vor allem für jene Leserinnen und Leser der Ordnung halber erwähnt werden, die noch nicht wissen, dass ich den Bildschirm gar nicht sehen kann.

Das Maß für meine Beurteilung war vor allem die Harmonie des Gesamtkonzepts, also nicht so sehr, wie viele Merkmale und Check-Punkte der Barrierefreiheit umgesetzt wurden. Der Eindruck guter Nutzerführung gemeinsam mit Merkmalen der Barrierefreiheit wirken auf mich jedenfalls am besten, wenn ich sie kaum bemerke, sie sich also in das Gesamtkonzept einfügen. Ich fühle mich am wohlsten, wenn die Navigationspunkte sprechend und schlüssig, die Standortangaben präzise, die Sprungmarken sparsam und wortkarg, aber zu den richtigen Bereichen und die Texte gut verständlich sind.

Schönheit und Harmonie muss man nicht unbedingt am Bildschirm sehen. Sie teilen sich mir auch in Standardkonformität, Abbildung der optischen Akzente auch im Quelltext, einer klaren Überschriften-Struktur und vor allem in guten Inhalten mit.

Bei meinem Streifzug durch die Top 26 habe ich jedenfalls den Eindruck gewonnen, dass sich die intensive Beschäftigung mit dem Thema Barrierefreiheit auch auf die allgemeine Nutzbarkeit positiv auswirkt.

Eva Papst

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Geändert am: 19.07.2007 10:25