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Listen and Feel

Die Verweildauer des Besuchers hängt nicht nur von der reinen Funktionalität einer Webseite ab, sondern in hohem Maße auch vom "Look and Feel". Ganz ähnlich, wie es bei einem guten Essen in angenehmer Gesellschaft ja auch nicht um bloße Nahrungsaufnahme geht.

Man könnte meinen, das "Look and Feel" auf einer Webseite wird irrelevant, wenn man - wie ich - auf einen Screen Reader angewiesen ist, den Bildschirm also gar nicht sehen kann. Aber es gibt auch ein "Listen and Feel". Dabei sind natürlich nicht Farben und Formen ausschlaggebend, aber genau wie das "Look", also das Betrachten, bewirkt auch das "Listen", das Zuhören, ein "Feel".

Und weil mein Weballtag meist kein "Ohrenschmaus", sondern häufig vom "weltweiten Warten" auf den Seitenaufbau, von Suchorgien, Sackgassen und "Würgegeräuschen" aus den Lautsprechern geprägt ist, musste ich die Gelegenheit beim Schopf packen: "23 auf einen Streich", so wie auf der BIENE Shortlist, bekommt man nur selten auf dem Präsentierteller serviert - das reinste Honiglecken sozusagen.

Die Reise kann beginnen

Es soll ein Surf-Vergnügen werden und keiner der vielen Tests, um die ich oft gebeten werde. Ein umfangreiches Ausleseverfahren hat dies bereits erledigt. Ein Webauftritt, der es bis hierher geschafft hat, weist in jedem Fall (be)stechende Merkmale auf.

Geplant habe ich eine virtuelle Vergnügungsreise - und dass mir der prominenteste der Sinne fehlt, ist zwar schade, aber kein Hindernis die Reise anzutreten und zu genießen.

Streifzug durch 23 Projekte

Ich habe die 23 Projekte nur kurz besucht, sie sozusagen "angesurft", um ein "Listen and Feel" zu bekommen. Als "Surf-Bretter" dienten mir der IBM Home Page Reader und der WebFormator.

Der Home Page Reader ist ausschließlich auf die Sprachausgabe ausgerichtet und ein eigenständiger Browser.

Der WebFormator ist ein Plugin für den Internet Explorer und vor allem für die Benutzung einer Braillezeile optimiert.

Ich könnte das "Listen and Feel" also auf ein "Touch and Feel" ausdehnen, was den Rahmen allerdings sprengen würde. Auch kann ich getrost darauf verzichten, denn das "Feel" bei "Listen and Touch" ist durchaus vergleichbar.

Alle Programme haben so ihre kleinen Schwächen, und darum habe ich - ich gebe es kleinlaut zu - bei der einen oder anderen Seite doch noch weitere assistive Programme, nämlich Jaws in der Version 5.0 und Window Eyes in der Version 4.5 zu Hilfe genommen. So stelle ich am ehesten fest, ob kleinere Pannen auf mein Unvermögen, auf Programmschwächen oder Probleme auf der Seite selbst zurückzuführen sind.

Mein Streifzug von Seite zu Seite ist demjenigen einer Biene von Blüte zu Blüte nicht unähnlich:
Aufwändig, aber erfolgversprechend und mit durchaus "süßem" Ergebnis.

Gemeinsame Merkmale

Ich habe mir die Frage gestellt: Was unterscheidet das Surf-Erlebnis auf diesen gut zugänglichen Seiten von meinen sonstigen Erfahrungen mit Webseiten?

Zunächst einmal bin ich, wie nicht anders zu erwarten, auf keine wirkliche Barriere gestoßen, höchstens auf ein paar kleinere Unbequemlichkeiten; aber dazu später.

  • Der größte Zugewinn ist ohne Zweifel die Erfahrung mich - ausnahmsweise - auf Thema und Inhalt des Projektes konzentrieren zu können und nicht ununterbrochen nachdenken zu müssen, wie ich weiter navigieren soll. Erst jetzt merke ich, wieviel Konzentration und Zeit ich normalerweise für die bloße Bedienung und Orientierung aufwenden muss.
  • Grafiken, ob nun schmückendes Beiwerk oder verlinkt, haben kurze, sprechende Beschriftungen; kein "/images/px1_left.gif" (oder Schlimmeres) unterbricht die vorlesende Stimme und damit den roten Faden des Themas. Auf der einen oder anderen Seite gibt es sogar detailliertere Beschreibungen der Bilder. So sehe ich mit "geliehenen" Augen. Und wer dies bedenklich findet, der sei daran erinnert, dass jeder Bericht, den wir lesen, die Sichtweise des Autors wiedergibt - genau wie dieser virtuelle Reisebericht übrigens auch.
  • HTML wird als Beschreibungssprache ausgereizt: Überschriften, hierarchisch gegliedert, vermitteln nicht nur Rang und Bedeutung eines Themas; sie lassen auch die Zugehörigkeit zu dem übergeordneten Thema erkennen. Listen und Absätze, die man übrigens genau wie optisch auch mit einem Screen Reader "anlesen" und dann zum nächsten Element wechseln kann, erlauben ein rasches "Überfliegen" des Textes.
  • Sprungmarken führen zu den wichtigsten Bereiche des Dokuments: Damit erhalte ich a priori einen Hinweis, wie ein Dokument gegliedert ist und wohin der Anbieter meine Aufmerksamkeit lenken will.
  • Ein Gesamtinhaltsverzeichnis (Sitemap) ermöglicht mir in vielen Projekten, all die Anstrengungen dem Projekt eine gute Struktur zu verleihen, aus purer Bequemlichkeit zu umgehen und sozusagen die Menükarte nicht in Kategorien abzuarbeiten, sondern nach Lust und Laune. Denselben Komfort bietet auch die oft vorhandene Volltextsuche.

Einzeln findet man diese Merkmale auf vielen Seiten, aber als Gesamtkonzept sind sie selten anzutreffen und bilden so ein machtvolles Leitsystem, das nicht nur eine rasche Orientierung und damit gute Zugänglichkeit der Inhalte ermöglicht, sondern sogar anwenderspezifische Vorlieben befriedigt. So kann ich zum Beispiel wählen, ob ich die Sprungmarke "Zum Inhalt" verwende, lieber von Überschrift zu Überschrift oder von Absatz zu Absatz springen, also den schnellsten oder den informativsten Weg nehmen will. Denn ich kann mich darauf verlassen, dass eine dieser Überschriften mich an den Beginn des Dokumentinhalts führt.

Die kleinen Stolpersteine

Natürlich bin ich auch auf kleinere Probleme gestoßen.

  • So habe ich doch glatt in einigen Projekten (es waren fünf) alle Navigationspunkte innerhalb eines einzigen Blockelements gefunden - eigentlich eher nicht sofort gefunden. Als typisch flüchtig surfende Anwenderin habe ich mir den ersten Link innerhalb des Elements vorlesen lassen und gleich das nächste Element angesprungen ohne zu merken, dass sich in dem Blockelement die gesamte Hauptnavigation befindet.
  • Ein weiterer Stolperstein war für mich der Umstand, dass die Navigation in einigen Projekten keine eigene Überschrift hat. Man mag darüber denken, wie man will, aber beim raschen Überfliegen einer Seite, die man nicht gut genug kennt, ist die Methode mit den Überschriften einfach am schnellsten. Hat die Navigation keine eigene Überschrift, geht sie rasch unter.
  • Gestolpert bin ich gelegentlich auch über die Frage: "Wo bin ich denn?" Bei etwa der Hälfte aller Seiten werden die geöffneten Bereiche nur als besuchte Links anstatt als nicht verlinkte Standorte gekennzeichnet. Findet man in der Navigation mehrere besuchte Links, ist der Standort nur schwer herauszufinden. Ich will gar nicht bestreiten, dass es möglicherweise an einer anderen Stelle eine Standortangabe gibt, die meiner Aufmerksamkeit entgangen ist.
    Aber eigentlich ist das ein Usability- und kein accessibility-Problem.

Ein praktischer Vergleich

Während ich meine Eindrücke niederschreibe, frage ich mich unwillkürlich, wie ich die Unterschiede bei der Nutzung eines Screen Readers zwischen einer herkömmlichen und einer gut zugänglichen Seite am besten in der Praxis verdeutlichen kann. Und welche Methode wäre besser geeignet als zwei Beispiele?

Ich habe sowohl aus meinem "Surf-Alltag" als auch aus dem "Bienenkorb" je ein Beispiel herausgegriffen, das die folgenden Kriterien erfüllt:

  1. Alltäglichkeit: Es musste etwas sein, mit dem man täglich konfrontiert werden kann.
  2. Formulare: Die größten Probleme bei der Zugänglichkeit macht sicher die Interaktion mit dem Anwender.

Und so ist meine Wahl bei dem Alltagsbeispiel auf ein Telefonbuch, innerhalb der BIENE-Anwärter auf eine Bank gefallen.

Die beiden Surf-Erlebnisse habe ich für Sie in zwei getrennten Berichten zusammengefasst.

Bevor Sie sich in dieses Abenteuer stürzen, möchte ich noch ein paar Gedanken voranstellen.

Das Verhalten eines Besuchers, ob nun mit oder ohne assistivem Programm, hängt neben dessen Möglichkeiten und Einschränkungen sowie den verwendeten Programmen auch von rein persönlichen Faktoren ab:

Interessen

Manche Anwender benutzen vorwiegend Nachschlagewerke, andere lesen die Tageszeitung oder stöbern nach Hörbüchern. Je nach Art der hauptsächlich aufgerufenen Seiten prägt dies das Surf-Verhalten nicht unwesentlich.

Erfahrungen

Es macht einen erheblichen Unterschied, ob man häufig oder selten surft und dabei eher erfolgreich oder erfolglos ist.

Vorlieben und Charakter

Neugierige und mutige bis übermütige Menschen verhalten sich ganz sicher anders als jene, die vorwiegend auf Sicherheit bedacht sind.

Welche dieser Merkmale auf mein durchaus individuelles Surf-Verhalten zutreffen, werden Sie vermutlich selbst herausfinden, wenn Sie mich auf den beiden virtuellen Reisen begleiten.

Der Versuchung erlegen

Und dann konnte ich doch nicht widerstehen: Ich musste einfach meine ganz persönliche BIENE wählen, abgestimmt auf meine Vorlieben sowohl was Orientierung als auch Interessenslage anlangt. Nein, es ist nicht die Wahl eines "Siegers", sondern die Entdeckung eines "Leibgerichts". Denn schließlich muss man auch auf der vorzüglichsten Speisekarte letztendlich eine persönliche Wahl treffen.

Aber mein Favorit muss nicht der Ihrige sein - und darum behalte ich ihn für mich.

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Geändert am: 19.07.2007 10:25