Von Fangstricken und Zeitfressern
"Wozu müssen wir denn Webseiten überhaupt Barrierefrei machen, wenn ihr mit euren Screen Readern und diversen Tricks mit jedem Mist klar kommt?" Diese etwas provokante Frage stellte mir ein Informatikstudent im Rahmen einer Diskussion zum Thema Web Accessibility, und brachte mich damit für kurze Zeit beinahe aus dem Konzept. Ich komme bei weitem nicht mit allem klar und oft genug gebe ich entnervt auf, weil der Zeitaufwand in keinem vernünftigen Verhältnis zum Nutzen einer Seite zu stehen scheint.
Daher versuchte ich Schritt für Schritt anhand einer komplexen Shop-Seite mit zahlreichen unbeschrifteten Buttons und fehlenden Labels zu erläutern, wie schweißtreibend und nervenaufreibend Unsicherheiten beim Geldausgeben sein können und dass je nach Wissensstand und Risikobereitschaft die Schmerzgrenze einzelner Anwender unterschiedlich sein kann.
Ein paar K.O-Kriterien
Dass CAPTCHAs ein K.O-Kriterien sein können, wurde an vielen Orten bereits beschrieben. Aber auch mehrere brüderlich vereinte grafische Buttons führen bei einem hohen Prozentsatz blinder Anwender zur Kapitulation. Prangt auf dem modern gestylten Button eine grafische Beschriftung, so ist für den Betrachter und möglicherweise auch für den Autor der angerichtete Schaden nicht einmal erkennbar.
Es macht jedenfalls keinen Spaß oder lässt einen verzweifeln - je nach Veranlagung - beim Gang zur Kasse einen mit 15 Posten gefüllten Warenkorb von Lebensmitteln ungewollt wieder zu leeren, weil man den Reset-Button statt der Kassa erwischt hat.
Auch jene grafischen Elemente in Formularen, die ausschließlich mit der Maus und nicht mit Tastatur erreichbar sind, zwingen viele blinde Anwender, aber auch alle Tastaturnutzer in die Knie. Dieser Mangel wäre allerdings rasch zu bemerken und ebenso rasch zu beheben, würden sich Webautoren an die stets empfohlene Testmethode "Maus raus - ran an die Tastatur" halten. Niemand kann allen Ernstes behaupten, den geringen Zeitaufwand für diesen Test ökonomisch nicht vertreten zu können.
Was Nutzer von Screen Readern auch häufig das Handtuch werfen lässt, sind sich ständig neu aufbauende Inhalte auf einer Webseite, die Einfluss auf die Position des Fokus nehmen. Damit sind weniger dynamische Inhalte durch Nutzereingaben gemeint, bei denen der Anwender ja mit Änderungen rechnen muss, sondern vielmehr jene Dinge, die auch das Auge ständig von der eigentlichen Aktion ablenken: Blinkende Werbebanner etwa, aber auch manche Slideshows.
Ich möchte keinesfalls die Empfehlung aussprechen, solche Eye-Catcher zu unterlassen, sondern nur daran erinnern, vor Freischaltung selbst zu testen oder testen zu lassen. Werbung ist nämlich keineswegs so unerwünscht, wie manche denken mögen. Wenn ich etwa bei der Bestellung von Lebensmittel um einen Betrag von 50 Euro einkaufen muss und in meinem Warenkorb Produkte um 48,50 Euro liegen, interessieren mich die Sonderangebote sehr wohl.
Auch häufiges Stolpern kann zum Sturz führen
Es hängt stark von der Fitness im Web und dem persönlichen Nervenkleid sowie der Komplexität einer Webseite ab, wann kleinere Stolpersteine zur Kapitulation führen. Ich möchte versuchen, dies anhand einiger Beispiele zu verdeutlichen.
Ein Sprichwort sagt, dass allzu viel ungesund sei, und aus meiner persönlichen Sicht trifft dies auch auf manche Accessibility Features im Web zu.
Ein solches Beispiel wären Verdoppelung von Links (einmal grafisch, einmal als Text) oder allzu üppige Linkbeschriftungen. Oft genug treffe ich auf Links mit einer Beschriftung wie "Dieser Link führt zu ...". Hört man das innerhalb einer längeren Linkliste immer wieder, so nervt dies nicht nur, sondern es führt mitunter auch dazu, dass man den eigentlichen Linktext überhört.
Ein anderes Beispiel ist die Anhäufung von Sprungmarken zum Seitenbeginn. Befinden sich dort 8 Sprungmarken (oder Skip-Links), so würde man schon wieder einen zusätzlichen Link benötigen, um die Sprungmarken überspringen zu können.
Übrigens: Unklare Linkbeschriftungen sind auch so ein nervtötendes Übel. "Navigation überspringen" ist zwar häufig anzutreffen, sagt aber nicht aus, wohin man springt. "Zum Inhalt" wäre deutlich angebrachter. Schließlich ist das, was hinter einem liegt, weniger interessant als das, was man gerade ansteuert.
Überfrachtung ist das eine, fehlende Information, das andere Übel, wie etwa die bereits eingangs angesprochenen fehlenden Labels. Verfügt ein Suchformular mit nur einem einzigen Eingabefeld und keinen weiteren Optionen über kein Label, wird niemand ernstlich irritiert sein, sofern danach ein beschrifteter Button folgt, der das Eingabefeld erklärt.
In Formularen mit mehreren Eingabefeldern verhält sich dies schon anders. Hier muss der Anwender eines Screen Readers bei fehlenden Labels ständig zwischen dem "Live-Modus", in dem er die Daten eingibt, und dem "Browser-Modus", in dem er Zwischentexte lesen kann, umschalten. Das ist bei umfangreicheren Formularen nicht nur äußerst lästig und zeitraubend, sondern belastet auch die Konzentration über Gebühr. Schließlich sollte man sich ja auf die Formularinhalte konzentrieren und nicht auf die Aktion des Ausfüllens.
... Irgendwie geht es (fast) immer
Vor allem langjährige Nutzer von Screen Readern zeichnen sich mitunter durch Eigenschaften aus, über die nach meinen Erfahrungen andere Webnutzer nur selten verfügen. Einige davon möchte ich als Beispiel anführen und deren Ursache beleuchten.
Da wäre einmal die Geduld, zumindest aber Ausdauer, wenn es darum geht, einer komplexen Seite zu Leibe zu rücken. Der Grund dafür ist rasch erklärt: Es fehlt fast immer an Alternativen. Als Beispiel kann der Vergleich "Einkaufen im Supermarkt" und "Einkaufen im Internet" dienen, wie ich es in "Dosengemüse" thematisiert habe. Aber auch Geldgeschäfte gehören dazu:
Die im Laufe der Zeit gewonnene Erfahrung mit den Unwegsamkeiten im Netz füllen die persönliche "Trickkiste" mit allerlei kleinen Kniffen. Da trifft man auf eine Situation, in der man nicht weiter weiß und erinnert sich daran, etwas ähnliches bereits anderswo erlebt zu haben. Je häufiger das vorkommt, desto massiver setzen sich die benötigten Kunstgriffe im Gedächtnis fest. Das führt dazu, dass so mancher Nutzer eines Screen Readers selbst scheinbar unüberwindliche Hürden meistert, worüber nicht nur Uneingeweihte staunen, sondern auch die eigenen blinden Kollegen. Jeder macht schließlich unterschiedliche Erfahrungen, beruhend auf den persönlichen Bedürfnissen, für die man das Web nutzt (Blogs, Shops, Musik, Social Media, e-Learning, Behördenwege etc.).
Last but not least ist da eine Eigenschaft, die je nach Persönlichkeit und Temperament unterschiedliche Erscheinungsformen haben kann. Bei dem einen ist es die erhöhte Leidensbereitschaft (na gut, ich probier es halt nochmals, wenn du sagst, dass es geht ...). Ein anderer hat einen ausgeprägten Forscherdrang und Ehrgeiz (das müsste doch zu lösen sein; ich finde das schon raus ...). Oder jemand holt sich Hilfe (kann mir jemand sagen, wie das geht ...).
Jedenfalls erwecken die oft recht pfiffigen Lösungsansätze der Screen Reader Community oft den falschen Eindruck, die Probleme im Web seien ohnehin zu lösen, wenn man sich nur entsprechend Mühe gibt. Warum nur erinnert mich das an
Sisyphos?
Auf dem Boden der Realität
Sie kennen einen Screen Reader Anwender, der aufgegeben hat oder gar etliche, die sich ständig über die schlechten Webseiten beschweren? Oder sind Sie gar erstaunt darüber, dass es blinde Menschen gibt, die nicht bereit sind, doppelt so viel oder noch mehr Zeit in die Erforschung und Bedienung einer Webseite zu stecken, auf deren Bedienbarkeit sie genau genommen einen rechtlichen Anspruch im Sinne der Gleichberechtigung haben?
Willkommen im Alltag! So wie der Informatikstudent aufgrund seines Fachwissens Programmiermängel auf Webseiten erkennt und kompensiert, während die Bürokollegin am Schreibtisch gegenüber vielleicht verzweifelt aufstöhnt, genauso verhält es sich auch mit blinden Nutzern: Der eine schafft es, der andere scheitert.
Und genau darum ist es so wichtig, die vier Säulen der Accessibility - Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit, Robustheit - zu beachten und es den Anwendern von Screen Readern nicht schwerer zu machen als unbedingt notwendig.
Sie wissen nicht, wie? Das Netz gibt Auskunft:
http://www.w3.org/Translations/WCAG20-de/
Die 2.0 in deutscher Sprache
www.accessible-media.at
Das Netzwerk für Accessibility, wo Sie sich bei Stammtischen zum Thema austauschen können
http://webdesign.weisshart.de/testwerkzeuge.php
Eine umfangreiche Werkzeugkiste, wie sie in der Praxis verwendet wird
Autor: Eva Papst
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