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Bewahrt mir bitte meine Informationsqualität!

Wenn ich mich wieder einmal über eine gar nicht zugängliche Webseite mit unbeschrifteten grafischen Links, wild zuckenden Animationen und verzögertem Seitenaufbau ärgere, versuche ich mich anhand einiger Vergleiche meiner Möglichkeiten vor 25 Jahren gegenüber den heutigen wieder zu beruhigen.

Es mag ja sein, dass Screen Reader genau die gleichen Schwächen aufweisen wie jede andere Software, aber dennoch eröffnen mir meine Bildschirmauslese-Programme das Tor zur Welt der Information, das noch vor wenigen Jahren verschlossen war.

Tageszeitung

Ich habe immer die Leute beneidet, die am Frühstückstisch, in der Straßenbahn oder während des Wartens auf irgend etwas die Tageszeitung lesen konnten - und zwar selektiv: Nur jene Beiträge, die auch wirklich interessieren.

Vor 25 Jahren war ich schlichtweg darauf angewiesen, dass mir jemand aus der Tageszeitung vorgelesen hat. Wenn sich jemand fand, dann sicher nur für jene Artikel, für die sich jemand selbst interessierte. Anderes zu verlangen, wäre mir nicht in den Sinn gekommen, weil ich mich dabei nicht gut gefühlt hätte.

Heute kann ich Tageszeitungen nicht nur online lesen, sondern auch den RSS abonnieren. Damit werden mir die Schlagzeilen ins Haus geliefert und ich entscheide, was ich lesen will und was nicht. Gewiss: Von Barrierefreiheit sind die meisten Tageszeitungen noch ziemlich weit entfernt, aber mühsam ist oft besser als gar nicht.

Telefonbuch, Fahrplan & Co

Dicke Wälzer auf Papier waren und sind für mich nichts weiter als schweres Papier.

Vor 25 Jahren war die Telefonauskunft neben gelegentlichen Hilfestellungen durch Freunde und Arbeitskollegen meine einzige Möglichkeit eine Telefonnummer nachzuschlagen, eine Zugverbindung herauszufinden oder ein Lexikon oder Wörterbuch zu benutzen.

Heute werden all diese Nachschlagewerke - und noch viele andere mehr - im Web angeboten. Das Problem ist jetzt nicht mehr so sehr, überhaupt eine Quelle für die benötigte Information zu finden, sondern von den vielen Möglichkeiten die am einfachsten zu bedienende bzw. qualitativ hochwertigste herauszufiltern.

Bankgeschäfte

Angeblich hört beim Geld jede Freundschaft auf. Ich kann dies weder bestätigen noch dementieren, gebe aber gerne zu, dass ich meine Bankgeschäfte gerne ohne fremde Hilfe, also selbstständig abwickle.

Vor 25 Jahren musste ich Angehörige, Freunde oder Kollegen bitten, meine Erlagscheine (Banküberweisungen) auszufüllen. Danach gab ich diese in der Bank ab. Eine Kontrolle, was wann abgebucht wurde, hatte ich nie. Ich konnte ja weder die Zahlscheine noch die Kontoauszüge lesen.

Heute erledige ich nicht nur meine Zahlungen via Web-Interface, sondern erhalte auch regelmäßig digitale Kontoauszüge und kann online etliche Monate in die Vergangenheit blättern, um Ein- und Ausgänge eigenhändig zu kontrollieren.

Stöbern und einkaufen

Warenhäuser und gefüllte Regale haben nur dann einen Sinn, wenn man dieses Angebot selbstständig wahrnehmen und auch nutzen kann.

Vor 25 Jahren musste ich mir wohl oder übel eine Begleitung für meine Einkäufe suchen - ob es sich nun um Lebensmittel oder eine Anschaffung im Hifi-Bereich handelte. Das Studium von Prospekten war und ist mir ja nicht möglich.

Heute arbeite ich mich durch diverse Anbieter im Web, vergleiche Preise und technische Daten, mache mich über die verschiedensten Angebote schlau und bestelle gleich online. Ach wenn bei den meisten kommerziellen Anbietern Barrierefreiheit und oft auch Bedienerfreundlichkeit zu wünschen übrig lassen oder gar komplett fehlen, bin ich bei der Recherche meist doch unabhängig von fremder Hilfe. Obwohl ich mich auf manchen Seiten beim Online-Kauf sicherer fühle, wenn mir dabei jemand über die Schulter sieht und mich auf Stolperstellen aufmerksam macht.

Und das Vergnügen?

Das Leben besteht aber nicht nur aus Notwendigkeiten und Pflichten. Da gibt es auch noch das Stöbern in CD- oder Buchläden, die Auswahl des richtigen Geschenks oder das Fahnden nach dem geeignetsten Hotel.

Vor 25 Jahren konnte ich auch den vergnüglichen Teil meines Lebens häufig nur mit fremder Hilfe abdecken. Kein Wunder also, dass ich mich in meinen Wünschen und Bedürfnissen nur allzu oft auf das notwendigste beschränken wollte.

Heute verschafft mir das Web viele vergnügliche Stunden, auch was meine ganz persönlichen Neigungen anlangt. Da gibt es die vielen Literatur-Seiten, interessante Blogs, die Möglichkeit online nicht nur Radio zu hören, sondern auch Interpreten abzufragen, Podcasts und Feeds zu abonnieren und vieles mehr.

Angst vor Verlust

Diese Beispiele zeigen sicher deutlich genug, wie nützlich, ja geradezu unverzichtbar das Web für mich im letzten Vierteljahrhundert geworden ist.

Doch ständig lebe ich in der Sorge, einen Teil meiner Unabhängigkeit und Freude am Stöbern, Lesen und Forschen wieder einzubüßen, weil gerade dort, wo Interaktion und Sicherheit nötig sind, die bereits seit mehr als zehn Jahren bestehenden Accessibility-Richtlinien des W3C noch immer nicht beachtet, geschweige denn umgesetzt werden. Dabei spielt es im Ergebnis für mich keine Rolle, ob dies aus Unwissenheit oder mit Absicht geschieht. Denn: Wenn drei oder mehr grafische Schalter unbeschriftet sind, ist es verflixt schwierig herauszufinden, welcher davon zur Kasse geht und welcher den Warenkorb wieder leert. Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als bei der Konkurrenz einzukaufen oder es bleiben zu lassen.

In den Status vor 25 Jahren möchte ich jedenfalls nicht mehr zurückkehren.

Die Accessibility-Richtlinien in der aktuellen Fassung:
Externer LinkWCAG 2.0 auf Deutsch

Autor: Eva Papst
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