... Mehr als nur ein Zeichen
Manchmal sieht es so aus, als wären Kopf und Machtposition zu groß für eine kleine blaue Mütze als Zeichen für die Solidarisierung mit Accessibility. Anders ausgedrückt: Das Web scheint voll von Seiten zu sein, deren Inhaber es offenbar nicht nötig haben, für bessere Zugänglichkeit zu sorgen.
Auf meinem inzwischen zehnjährigen Weg in eine Zukunft mit besser zugänglichen Webseiten habe ich aber auch viele "Bekehrungen" erlebt: Manche waren sofort Feuer und Flamme, andere verhielten sich vorerst ablehnend oder zumindest skeptisch. Aber gar nicht so selten bin ich Zeugin einer 180-Grad-Wendung gewesen.
Das ist auch der Grund, warum mir letztlich Rückschläge und gelegentliche völlige Ignoranz nicht wirklich etwas anhaben können. Man muss nur lange genug dran bleiben, denn - wie das Sprichwort sagt: Der stete Tropfen höhlt den Stein.
Fünf dieser Begegnungen seien hier kurz vorgestellt. Die Auswahl ist eher spontan.
Der richtige Einstieg
Als ich 1999 bei Verabschiedung der WCAG 1.0 die Wichtigkeit und das Potenzial barrierefreier Webseiten erkannte, war es noch schwierig Gleichgesinnte zu finden. Dann stieß ich über diverse Mailing-Listen auf meinen langjährigen Accessibility-Partner Peter Kammerer, mit dem gemeinsam auch dieser Webauftritt entstand.
Gemeinsam war uns von Anfang an der Wunsch nach einem besser zugänglichen Web. Dazu brachten wir jedoch sehr unterschiedliche Vorgeschichten, Vorstellungen sowie Denk- und Herangehensweisen mit.
Gerade diese Unterschiede waren und sind die beste Schulung für das Thema Barrierefreiheit, wo es ja darum geht, den eigenen Horizont zu erweitern und die Bedürfnisse anderer zu realisieren und in den eigenen Denkprozess einzubeziehen. Denn: Accessibility ist keineswegs ein rein technisches Thema, sondern die Bereitschaft zum wachen Blick über den Tellerrand.
Barrierefreie Weblösungen
Überzeugungskraft und Kontinuität
Ebenfalls zu meinen ersten Kontakten in der Accessibility-Szene gehört das Web-Team der Stadt Wien. Die Bereitschaft war und ist dort sehr hoch, sich auf das Thema einzulassen. Es brauchte dort wenig Überzeugungskraft. Vielmehr versuchte man von Anfang an der Barrierefreiheit durch intensiven Kontakt mit den zu bedienenden Zielgruppen mehr Leben einzuhauchen. Ich glaube, dass diese Vorgangsweise die Bereitschaft während des schwierigen Starts bei der Umsetzung deutlich erhöht hat.
Obwohl sich das Team geändert hat und inzwischen acht Jahre vergangen sind, bleibt die Stadt Wien am Ball und sieht sich im Zeitalter von Web 2.0 so schwierigen Aufgaben wie einem neu aufzubauenden virtuellen Stadtplan gegenüber.
Bemerkenswert und keineswegs selbstverständlich ist der Mut auf irgendwelche Versuche der Zertifizierung zu verzichten und gleichzeitig auch die Accessibility-"Baustellen" nicht zu verschweigen, sondern im Dialog mögliche Lösungen zu diskutieren.
Der Webauftritt der Stadt Wien
Eine verdiente BIENE
Ein paar Jahre später, waren Lukas Huber vom Österreichischen Gehörlosenbund und ich als Vertreterin blinder Surfer im Rahmen eines Kurses bei MAIN_web eingeladen, über Probleme und Möglichkeiten gehörloser sowie blinder Internet-Nutzer zu referieren.
Mein Part war am Vormittag, Lukas Huber war am Nachmittag an der Reihe. Wir hatten unsere Inhalte vorher nicht abgesprochen, denn wie leicht nachvollziehbar ist, könnten unsere Bedürfnisse und Ansprüche an Webseiten behinderungsbedingt nicht unterschiedlicher sein.
Es gab dann auch tatsächlich keine Überlagerungen an Inhalten, aber einen für manchen Zuhörer vermutlich erstaunlichen Gleichklang: So nannten wir unabhängig voneinander das Österreichische Jüdische Museum als Beispielseite für gute Zugänglichkeit.
Der mit einer Bronzenen BIENE ausgezeichnete Webauftritt hat also nicht nur vor einer ausgesuchten Jury aus Experten bestanden, sondern - und darauf kommt es ja an - auch in der Praxis des Alltags.
Was kann als Accessibility-Zeugnis glaubhafter sein, als wenn blinde und gehörlose Besucher gleich gut mit den für sie nötigen Navigationshilfen versorgt werden?
Österreichisches Jüdisches Museum Eisenstadt
Der Werkzeugkasten für Accessibility im Web
Oft genug stoße ich im Web auf CAPTCHAs, quäle mich mit unbeschrifteten Knöpfen von Playern herum, werden unangekündigt neue Fenster geöffnet oder ich treffe auf mit der Tastatur unbedienbare Flyout-Menüs.
Als eifrige Web-Nutzerin, die es auch anders kennt, frage ich mich dann immer wieder, warum nicht häufiger auf bereits bestehende Lösungen zurückgegriffen wird. Dies umso mehr, als viele davon gratis und auch gut dokumentiert sind, zumindest aber bei Bedarf weiter entwickelt werden könnten.
Stellvertretend für all jene, die nah an der Praxis arbeiten und eine ganze Reihe nützlicher Werkzeuge anzubieten haben, verweise ich auf folgende Fundgrube:
Webdesign Weisshart
Wirklich "nur ein Blog"
Ich bin in meinem kleinen Streifzug in der Gegenwart angekommen und damit bei einem Drahtzieher des Blue Beanie Day in Österreich.
Robert Lender ist, wie auf seiner Seite nachzulesen ist, von der Web-Welt fasziniert. Der Suchbegriff "Accessibility" ist in seinem Blog extrem häufig zu finden, wird aber in seinen Informationen zu sich und dem Web nicht extra erwähnt.
Das folgende dort gefundene Zitat mag der Schlüssel dafür sein, warum bereits Selbstverständliches nicht mehr erwähnt zu werden braucht:
"Aber es ist nicht die Technik per se, die für mich die Faszination am Internet ausmacht. Es sind die Menschen, die aus dieser Technik etwas Persönliches machen, ..."
Damit macht er vermutlich Accessibility zu seinem ganz persönlichen Anliegen. Für Robert Lender ist offenbar Accessibility ein fixer Bestandteil des Webs, wie er es versteht; ob nun 1.0 oder 2.0.
Als ich vor wenigen Tagen den Artikel zum Blue Beanie Day gelesen habe, habe ich das jetzige Erscheinungsbild mit meinem ersten Besuch auf dieser Seite vor etwa zwei Jahren verglichen. Damals fehlten Sprungmarken und Überschriften und war so manches grafische Element nicht beschriftet. Heute zeigt sich, dass Accissibility in den Alltag Einzug gehalten hat, also praktiziert wird, und somit ein fixer Bestandteil geworden ist.
Nur ein Blog
Einfach weitermachen
Ob nun durch eine blaue Mütze, einen Werkzeugkasten an Technik, die Berücksichtigung möglichst vieler unterschiedlicher Bedürfnisse, den direkten Dialog mit behinderten Nutzern, die persönliche Zusammenarbeit im Team oder Publikation - jeder kann einen Beitrag zur Verbreitung von Information über Barrierefreiheit leisten. Damit verhält es sich ähnlich wie mit dem Licht einer Kerze, wenn ein dänisches Sprichwort sagt: "Du verlierst nichts, wenn du mit deiner Kerze die eines anderen anzündest." Ein Bild, das - so glaube ich - gut zur Adventzeit passt.
Autor: Eva Papst
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