Das war der A-Tag 09
Der diesjährige A-Tag ´09, eine Veranstaltung von accessible media, stand unter dem Titel "Interaktiv barrierefrei", in dem so mancher wohl einen Widerspruch sah. Kann denn eine Anwendung gleichzeitig interaktiv und auch noch barrierefrei sein?
Ich sage ja; das wird sie künftig wohl müssen, denn das Web ist voll von Interaktion.
Für mich und alle, die es interessiert, halte ich hier ein paar Impressionen fest:
Auftakt und Einstieg
Max Kossatz´ Thema Wie wird Web 2.0 unser Leben verändern? schien auf den ersten Blick nicht viel mit Accessibility zu tun zu haben, war aber der perfekte Auftakt, um das Publikum auf die Bedeutung interaktiver Webangebote hinzuweisen, lassen sich doch mit den Methoden von Web 2.0 kostengünstig und medienwirksam Themen im Web verankern.
Lesen Sie dazu auch den Blog-Beitrag von Max Kossatz, wo Sie auch seine Präsentation finden.
Gleich im nächsten Vortrag kam der praktische Einstieg in das Tagesthema "Interaktiv barrierefrei" ganz realistisch zur Geltung. Wie sich ein interaktives Webangebot im Jahr 2009 aus Sicht der Barrierefreiheit bei Tastaturbedienung "anfühlen" kann, demonstrierte Sylvia Egger in ihrem Vortrag Web 2.0 und Barrierefreiheit selbst testen eindrucksvoll. Da gerieten die vier Säulen der Barrierefreiheit (Wahrnehmbarkeit, Verständlichkeit, Bedienbarkeit und Robustheit) gewaltig ins Wanken.
Eines steht fest: Wer im Web 2.0 Basistechniken und Standards ignoriert, wird künftig noch schlechtere Karten haben als bei den bisher meist statischen Webangeboten.
Die Slideshow ist bereits online.
Die richtige Technik und deren Anwendung
Nach diesem rasanten Einstieg und einer erholsamen Kaffeepause nahm sich Fritz Weisshart der oft missbrauchten Basistechnik Javascript im Web Unter dem Titel Böses Javascript, gutes Javascript an. Er gab sich keineswegs damit zufrieden, Missstände aufzuzeigen oder anzuprangern, sondern lieferte auch gleich die Lösung für so manches Problem.
Man muss nicht jedes technische Detail verstanden haben um zu begreifen, dass ein solch mächtiges Werkzeug ausschließlich in sachkundige Hände gehört. Mit Javascript lassen sich ja nicht nur Spilereien erstellen, und grober Unfug anstellen und Barrieren bis hin zur Unbedienbarkeit errichten, sondern bei richtiger Handhabung Bedienbarkeit und Interaktion für Webseitenbesucher enorm verbessern.
Damit alle, die es nötig haben, diese Lektion nachlesen können, ist sie auch online mit vielen Links zum Thema verfügbar. Also nutzen und nachmachen - Ausreden gelten nicht!
Im Vortrag Die BIENE - Ruhekissen oder Nagelbrett? von Michael Barthofer ging es um den Relaunch des Webauftritts der Stadt Linz, der 2008 eine Silberne BIENE erhielt. Dass man nicht beabsichtigt, sich auf den Lorbeeren auszuruhen, kam im Vortrag deutlich durch, war doch neben Vorbereitung und Ausschreibungskriterien auch die Qualitätssicherung sowie die Motivierung im redaktionellen Bereich zentrales Thema. Wer sich bewusst ist, dass Barrierefreiheit ein Prozess und kein Zustand ist, ist sicher auf dem richtigen Weg zur qualitativen Pflege.
Der Vortrag von Manuela Vergud und Michael Stenitzer über Wiens neues Tourismusportal machte deutlich, dass die Umsetzung der Barrierefreiheit nicht immer das größte Problem darstellt, wie manche gerne glauben machen wollen. Immerhin galt es, Informationen und Anwendungen in 12 Sprachen zu übersetzen.
Da der Hauptfocus beim Relaunch auf den Benutzern des Webangebots lag, war Barrierefreiheit ganz selbstverständlich mit an Bord und somit integriert.
Wie sich ein solcher Prozess abspielt, ist im Blog von wienfluss.net nachzulesen.
Das web, die Barrierefreiheit und die Gesellschaft!
Der erste Redner nach der Mittagspause, Jens Grochtdreis von den Webkrauts, bemühte in seinem Vortrag Aspekte moderner Frontend-Entwicklung nicht vorrangig den Begriff Barrierefreiheit. Er nahm die drei Problemfelder - Browser, Entwickler und Kunden - näher unter die Lupe und zerrte dabei so manch veraltete Technik und ebenso antiquierte Vorstellungen ans Licht. Eine seiner Aussagen hat sich wie ein Widerhaken in mir festgesetzt: Das Web bietet so viele Möglichkeiten, die häufig ungenutzt bleiben, weil man sich an Herkömmlichem, wie etwa die Gestaltung von Print-Medien, orientiert. Für ihn steht eindeutig fest, dass Webseiten weder für Browser noch für Entwickler oder Auftraggeber = Kunden gemacht werden, sondern letztlich für den Besucher. Wer kann unter diesem Aspekt noch glaubhaft leugnen, dass Barrierefreiheit einfach dazu gehört?
Dazu gibt es vorerst einmal die Slideshow.
Die Heisenberg´sche Unschärferelation oder was Webdesign mit Quantenphysik zu tun hat, hat Tomas Caspers als Topic für seinen Vortrag gewählt - und diese Frage stellte sich wohl mancher im Publikum.
Nach und nach fügt er Teilchen um Teilchen zu einem Mosaik zusammen, um den Blick über den Tellerrand zu schärfen und fordert uns auf, genau hinzusehen und hinzuhören. Denn - und damit legt er den Finger in die Wunde - es ist unzulässig, einzelne Aussagen mit sich selbst zu multiplizieren und als Wahrheit hinzustellen. Ein Quäntchen Wahrheit genügt eben nicht und eine Einzelaussage kann keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben.
Um einen kleinen Seitenschwenk aus der Physik in die Philosophie zu machen, könnte man sagen: Ein Appell an die Kritik der reinen Vernunft oder die Urteilskraft.
In seinem leidenschaftlichen Appell *Panta rhei - das Netz ändert sich, warum nicht wir verglich Chris Heilmann das Web mit einem Süßigkeiten-Shop, aus dem man sich holt, was man haben will. Wie gut ich ihn doch verstehe! Ich könnte keine Zeitung lesen, keine Produktdaten vergleichen, keine Preisvergleiche anstellen, keine Telefonnummern ausfindig machen ... und meine Geldtransaktionen nicht selbstständig durchführen, wenn es das Web nicht gäbe!
Um Barrierefreiheit nutzerorientiert umzusetzen, braucht es genauso viel Emotion und Leidenschaft wie Talent, versichert er dem gespannt lauschenden Publikum. Ob es allerdings gelingt, bei jedem Web-Entwickler den Spaßfaktor an Innovation und Umsetzung von Accessibility auf ein ausreichendes und somit nutzbringendes Niveau zu heben, erweckt in mir gelinde Zweifel.
Und dennoch: Wer bereit ist sich motivieren zu lassen, der hat in diesem Vortrag ausreichend Nahrung bekommen um die Herausforderung anzunehmen - zum eigenen Erfolg und zum Nutzen der Besucher seiner Webangebote.
Chris Heilmann hat seinen Vortrag plus Audio in seinem Blog online gestellt.
* Panta rhei = alles fließt
Weitere Impressionen
- Robert Lender: Nur ein blog
- Christiane Link: Behindertenparkplatz
- Fritz Weisshart: webdesign.weisshart.de
- Auf Flickr: Fotos vom A-Tag ´09
Autor: Eva Papst
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