Ich bin eine Amazone
Ob nun Computer-Zubehör, Hifi oder MP3, ob Buch oder CD - ich kaufe gern bequem vom Schreibtisch aus und das bei
Amazon. Ergo: Ich bin eine Amazone.
"Bequem vom Schreibtisch aus" ist aber eher ein Wunschtraum, denn aus meiner Sicht ist es alles andere als bequem, bei Amazon einzukaufen - zumindest nicht, wenn man einen Screen Reader nutzen muss, und zwar gleichgültig welchen. Da könnte man schon zur Amazone werden, im landläufigen Sinn, meine ich.
Angenommen, alle Amazonen, die bei besagtem Unternehmen einkaufen, tun sich zu einem Amazonenchorps (
Wikipedia kennt noch mehrere Bedeutungen) zusammen. Dann könnte es uns vielleicht gelingen, diesem bekannten Wirtschaftsunternehmen klar zu machen, dass auch behinderte Menschen - und diese erst recht - gern online einkaufen. Teilweise haben gerade sie oft keine vernünftige Alternative zum Web. Ein bisschen mehr Accessibility stünde diesem weltweiten Unternehmen also gut an, denn der Leistungsumfang ist nicht nur für "Suchtkäufer" verlockend:
- Der Status von Bestellungen kann jederzeit abgefragt werden.
- Das Pflegen von Wunschlisten erleichtert die Marktbeobachtung.
- Der Marktplatz ermöglicht "verwandte" Produkte zu den jüngst erworbenen aufzustöbern.
- Wer die Wunschlisten anderer beobachtet, hat es leichter, das Richtige zu schenken.
- ...
Es geht schon, wenn man will
Klar: Mit erheblichem Zeitaufwand, viel Geduld und der sprichwörtlichen Spucke, vor allem aber mit der nötigen Routine, kommt man auch auf Amazon irgendwie klar. Das beweisen schließlich viele behinderte Kundinnen und Kunden.
Aber genau dieses "irgendwie" ist es, das mich nicht los lässt und ich werde versuchen zu erklären, was mir so sauer aufstößt.
Ich seh etwas, was du nicht siehst
Mein Mann Hannes ist stark sehbehindert und er surft nicht selbst, sieht mir dabei aber gerne zu. Klar, das ist auch einfacher, zumindest für ihn. Aber erst unlängst habe ich von diesem stillen Beobachter sehr profitiert: Er hat nach jedem neuen Seitenaufbau sofort jene Stelle im Visir gehabt, an der die essenziellen Informationen zu finden sind: Den Inhalt des Warenkorbs mit der Aufforderung "Zur Kassa", die Auswahl der Lieferadresse, den Bezahlmodus ... Ich hingegen habe mich nach dem neuen Seitenaufbau erst einmal durch den unstrukturierten Inhalt wühlen müssen - ein nicht unerheblicher Zeitaufwand mit erhöhtem Frustrationspegel als Ergebnis.
Durch die "Augen" eines Screen Readers
Was bei Nutzung eines Screen Readers ins "akustische Auge" springt, hängt ganz davon ab, wie eine Seite strukturiert ist.
Was auf dem Bildschirm prominent rechts oben prangt, steht hier im Quelltext ganz hinten. Das allein wäre keine besondere Tragik, gäbe es entsprechende Sprungmarken, um zu dieser Stelle zu gelangen. Aber die fehlen leider und wären kaum ein Mehraufwand.
Aber auch fehlende Sprungmarken sind noch nicht wirklich als echte Hürde zu bezeichnen, soferne wichtige Abschnitte der Seite mit einer ebenso wichtigen Überschrift versehen sind. Diese fehlen ebenso gänzlich. "Aber da steht doch ganz prominent Warenkorb" belehrt mich Hannes, der Ahnungslose, denn er weiß ja nicht, dass das, was wie eine Überschrift aussieht, in Wahrheit nur gestylter Text ist - sozusagen als Überschrift "verkleidet". Auch das wäre mit wenig Aufwand zu korrigieren
Also nutze ich die Gunst der Stunde und gebe dem "lebendigen Screen Reader" meinem technischen Hilfsmittel zumindest beim Auffinden wichtiger Positionen den Vorzug. Dabei stelle ich fest, dass dies die Aktion um mehr als die halbe Zeit verkürzt. Wüsste ich nicht von diversen gut zugänglichen Webseiten, dass es sogar Seiten gibt, auf denen ich den Ort des Geschehens mit meinem Hilfsmittel genauso rasch, gelegentlich sogar rascher, herausfinden kann, ich müsste tatsächlich an mir und meinen Programmen irre werden.
Auch die grafische Navigation, mit keinerlei sinnvoller Textbeschriftung versehen, ist - freundlich ausgedrückt - gewöhnungsbedürftig. Ein paar Alternativ-Texte haben eine ähnlich hohe Wirksamkeit wie Zimmernummern in einem Hotel, auf die man ja auch nicht verzichten kann.
Natürlich lässt sich bei regelmäßiger Nutzung der Seite vieles kompensieren. Denn gewöhnen kann man sich bekanntlich an so ziemlich alles. Mein Verständnis hält sich allerdings in Grenzen, warum ich mich trotz der Vorgabe des Gesetzgebers, dass Informationssysteme auch für behinderte Menschen "... ohne erhöhten Mehraufwand und grundsätzlich ohne fremde Hilfe ..." zugänglich sein müssen, gar so anstrengen muss.
Amazonen, vereinigt euch!
Wer bequem und zielorientiert im Web einkaufen will, kommt an Amazon nicht vorbei - blinde Menschen schon gar nicht. Denn sie haben ja in aller Regel kaum Möglichkeiten, die benötigten oder gewünschten Produkte im Laden aufzuspüren oder aus bunten Werbeprospekten auszuwählen. Umso ärgerlicher ist es, dass bei Nutzung eines Screen Readers gerade Amazon alles andere als gut zugänglich ist. Das dämpft die Kauflaune enorm.
Das Ergebnis einer Wahrscheinlichkeitsrechnung, um wie viel sich der Umsatz bei Verbesserung der Zugänglichkeit von Amazon noch steigern ließe, würde mich wirklich brennend interessieren, denn der Verdacht liegt nahe, dass nicht nur blinde "Amazonen" auf Barrieren stoßen, wenn sie bereit sind, ihr Geld auszugeben.
Autor: Eva Papst
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