Persönliche Nachlese (Nachmittag)
Ausführliche Informationen zur Veranstaltung vom 12. Oktober 2006, Links zu Präsentationen und Beiträge im Web finden Sie in der
Nachlese bei accessible media.
Design barrierefrei
Nach der Mittagspause strömt das Blut bekanntlich zum Verdauungstrakt, was die Aufmerksamkeit beeinträchtigt. Aber der launige Vortrag des Referenten nach der Mittagspause ließ keine Schläfrigkeit aufkommen.
Wie ein Blitzlichtgewitter brauste es über die Besucherinnen und Besucher hinweg. Jeder Versuch, eine zusammenfassende Aussage zu treffen, scheitert bei mir schon im Vorfeld. Also greife ich ein paar - bewusst provokante - Aussagen heraus in dem Wissen, dass diese, aus dem Zusammenhang gegriffen, auch zu Missverständnissen führen könnten. Im Original nachzulesen, wäre also kein Fehler.
Barrierefreiheit kommt aus dem Behindertenbereich und sollte dort auch bleiben, war eine dieser Aussagen. Aber auch die klare Aufteilung der Verantwortlichkeiten auf Web Designer, Entwickler von assistiven Technologien und NutzerInnen trat klar in den Vordergrund.
Auch bei der zuletzt genantnen Gruppierung ist, so der Vortragende, dringend Umdenken angesagt. Zitat: "Fälle, in denen der Nutzer bestimmte Dinge ändern kann, aber nicht will, stellen keine Barriere dar. Diesen Sachverhalt nennt man nicht Behinderung, sondern Starrsinn - und dafür gibt es (noch) keine passende W3C-Empfehlung". Das musste wohl auch einmal gesagt werden.
Auch die Entwickler von asistiven Programmen hätten, wären sie anwesend gewesen, keine Zeit für ein Mittagsschläfchen gefunden, sondern vermutlich Eintragungen in ihr Pflichtenheft gemacht.
Aber auch so manches Beispiel schlecht gestalteter Seiten wurde ans Licht gezerrt. Die Verantwortlichen wären vermutlich erblasst angesichts der nicht darstellbaren und somit leeren Seite, die man manchem Benutzer unbedacht zumutet.
In welche Kategorie die Äußerung, "Behinderung ist die mangelnde Fähigkeit, mit schlechtem Design umgehen zu können" gehört, vermag ich allerdings nicht zu sagen.
Design bis über den Tellerrand
Das nächste Referat, das sich ebenfalls mit Design beschäftigte, zäumte das Pferd der Barrierefreiheit genau anders herum auf:
Der Anwender als Neutrum ist für den Gestalter einer Webseite ein unbekanntes Wesen. Er kennt weder dessen Ausstattung noch dessen Fähigkeiten oder Einschränkungen.
Mitgenommen habe ich vor allem eine Erkenntnis, die ich selbst schon längst gewonnen habe: Es ist wichtig, sich mit den unterschiedlichsten Nutzergruppen intensiv auseinander zu setzen, um so zumindest einen ungefähren Eindruck über die Konsumierbarkeit der gestalteten Seite unter anderen als den eigenen Bedingungen zu bekommen.
Schlichten statt richten
Wer, bis wann und in welchem Umfang muss sein Webangebot barrierefrei machen? Eine Frage, die wohl jeden Webanbieter beschäftigt. Das dritte Referat am Nachmittag hat erfolgreich versucht, diese Frage so weit zu beantworten, wie dies aufgrund der derzeitigen Bestimmungen möglich ist.
Nachgewiesene Unzugänglichkeit ist in bestimmten Fällen einklagbar, so sagt das Gesetz. Ob nun Ausdruck der österreichischen Mentalität oder der Vernunft - Tatsache ist, dass einer Klage ein Schlichtungsverfahren vorausgehen muss. Sich am "runden Tisch" auf eine für beide Schlichtungsparteien akzeptable Problemlösung zu einigen, ist aus meiner Sicht nicht nur erfolgversprechend, sondern in den meisten Fällen auch billiger, als es auf eine Klage ankommen zu lassen.
Barrierefreie Mediennutzung
In der präsentierten Studie wurden zwei Gruppen befragt: behinderte Menschen über Mediennutzung und Vertreter von Medien, wie sie die Nutzbarkeit ihrer Webauftritte durch behinderte Menschen einschätzen.
Bei der ersten Gruppe der Befragten wurde deutlich, dass behinderte Menschen überdurchschnittlich das Internet zur Informationsbeschaffung nutzen.
Die befragten Medienvertreter gaben einerseits an, dass sie ihre eigenen Webangebote für überwiegend gut benutzbar halten, äußerten aber auch den Wunsch, mehr Informationen über die Gesetzeslage zu erhalten.
Auffällig war für mich, dass die Medienvertreter die Zugänglichkeit ihrer Angebote deutlich besser einschätzen, als die behinderten Nutzerinnen und Nutzer.
Mein Fazit
In der anschließenden Diskussion zum Thema "Medienzugang für Alle: Gewinn für Alle?" kristallisierte sich nicht ganz überraschend heraus, dass jeder selbstverständlich Zugang für alle schaffen möchte - aber es wissen eben nicht alle, wie dies zu bewerkstelligen ist.
Insofern ist der Schluss durchaus zulässig, dass Veranstaltungen wie diejenige vom 12. Oktober kein Einzelereignis bleiben sollte. Sowohl Besucherzahl als auch die gestellten Fragen zeigen deutlich den Bedarf an mehr Information, wie man gute Zugänglichkeit schaffen kann. Ebenso deutlich war aus den Referaten zu entnehmen, dass gute Bedienbarkeit für behinderte Nutzer auch einen Nutzen für alle anderen und nicht zuletzt für den Anbieter selbst bringen.
Autor: Eva Papst
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